Eine Kunstblüte aus der Mülltüte?

Kritische Anmerkungen zur Hybris des Berliner Avantgardismus
(verfasst 2006, immer noch aktuell? )

Es hat sich auf der Welt herumgesprochen, daß man in Berlin mit Müll viel Geld verdienen kann, und der liegt hier in manchen Gegenden genug auf den Straßen herum. Die Berliner Kunstszene ist erfreulich international geworden, doch es scheint sich nur ein ganz bestimmter Künstlertypus vom spezifischen genius loci dieser Stadt angezogen. Zum Beispiel die junge koreanische Künstlerin, die in einer hippen Mitte-Galerie ihre Schätze - Plastiktüten vollgestopft mit leeren Zigarettenschachteln - ausbreitet. Oder der Künstler aus Mexiko, der sich vor kurzem durch das Entsorgen seiner Sperrmüllmöbel in die Spree als Kandidat für den Preis der Jungen Nationalgalerie qualifizierte. Auch deutsche Talente werden auf Berlins Strassen fündig und aktiv. Eben wurde eine Karlsruher Kunstprofessorin mit dem Gabriele-Münther-Preis unter anderem für die grandiose Idee belohnt, bunte Knetkügelchen auf die Straße zu werfen. Der Leser des deutschen Feuilletons kennt diese Narreteien des Kunstbetriebes inzwischen zur Genüge und dankt seinem Kurzzeitgedächtnis: Nichtigkeiten wie diese sind bereits kurz nach dem Umblättern wieder vergessen.

Kulturaktivitäten solcher Art beleben mittlerweile die Gassen und Strassen von Weil der Stadt bis Berlin, und manchmal haben sie sogar einen gewissen Unterhaltungswert. Die Unterschiede zwischen den Kunstszenen in der Provinz und der der deutschen Hauptstadt sind sowohl in der Quantität als auch in der Bedeutung begründet, die man diesen Ereignissen jeweils beimißt: in der Provinz sind sie gelegentliches Feierabendspektakel, in Berlin hingegen Dauerritual; sie werden hier inzwischen sogar als Branche mit Zukunftspotential gehandelt. Es steht aber zu befürchten, dass sich diese neuerdings als Neue Berliner Kunstblüte vermarktete Branche als nicht viel mehr erweist als eine weitere Berliner Peinlichkeit; der Rest der Republik erwartet von seiner Hauptstadt kaum noch anderes....

Wer das wahre Wesen der momentanen Berliner Kunstblüte erkennen will, sollte den ganzen ideologischen Überbau, der sich in den letzten 20 - 30 Jahren wie Mehltau über unser heutiges Kunstleben gelegt hat, einmal kurzfristig vergessen und sich stattdessen dem Studium der Vergangenheit widmen. Denn entgegen aller Reden bleibt die Historie weiterhin eine Lehrmeisterin des Lebens und der Politik, die uns über den Aktualitäten und Episoden des Alltags die großen Entwicklungslinien der menschlichen Kultur erkennen läßt.

In einem größeren historisch-kulturellen Kontext gesehen erscheint die heutige Berliner Kunstblüte als nichts anderes als eine längst verwelkte Nachblüte der Idee einer Kunstavantgarde, deren Wurzeln bekanntlich bis ins vorletzte Jahrhundert zurückreichen. Dieser Avantgardismus bildet zusammen mit dem Nationalismus und dem Sozialismus eine ideologische Trias, die die deutsche und insbesondere die Berliner Geschichte des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt haben.
Seit dem Ende des Ideologischen Zeitalters um die Jahrtausendwende erkennen wir immer deutlicher, daß diese aus dem 19. Jahrhundert stammenden Weltanschauungen aus spezifischen historischen Konstellationen erklärbare Erfindungen des menschlichen Geistes waren und somit wie alles Menschliche dem Gesetz des rise and decline: Entstehen - Blühen - Vergehen unterworfen. Und obwohl der Nationalismus, der Sozialismus und der Avantgardismus durch völlig unterschiedliche Inhalte, Wertungen und Zielsetzungen bestimmt waren und sich zueinander eher feindselig verhielten, weisen sie doch eine große Gemeinsamkeit auf: alle drei hatten in ihren Anfängen eine emanzipative Wirkung; sie waren in ihrem Ursprung Befreiungsideologien: der deutsche Nationalismus der Freiheitsskriege 1813/15 wandte sich gegen Fremd- und Fürsten-herrschaft; der Sozialismus gegen kapitalistische Ausbeutung; der Avantgardismus gegen die Zwänge akademischer Tradition und kulturelle Verkrustung.

Wie wir durch die Studien A. J. Toynbees und anderer wissen, kehrt sich jede Befreiungsideologie spätestens in der dritten oder vierten Generation in ihr Gegenteil um: sie gerät auf Irrwege und dient nicht länger der Befreiung, sondern nur noch der Verdummung und Ausbeutung.
Der Entwicklungsprozess weist bei allen drei Ideologien trotz aller Unterschiede im einzelnen erstaunliche Parallelen auf: hat sich eine Ideologie nach anfänglicher Unterdrückung zur Herrschenden etabliert, wird sie von einer Clique für eigene Zwecke instrumentalisiert und beginnt, andere Meinungen zu unterdrücken. Die Welt entwickelt sich weiter, aber die Ideologie versteinert in Dogmatismus und verkommt schließlich zur reinen Phraseologie. Der Anspruch der Ideologie auf Heil und die Alltagserfahrung der Massen beginnen immer weiter auseinanderzuklaffen. Die Hybris ist an folgenden Merkmalen zu erkennen: die wachsenden Widersprüche zwischen Ideologie und Wirklichkeit werden von der abgehobenen Führung nicht mehr registriert; sie verstrickt sich mehr und mehr in ihrem eigenen Wahn. Um das eigene Versagen zu verschleiern, werden die Gründer heroisiert und die Propagandatätigkeit intensiviert. Schließlich wird jeder Begriff so verbogen und jede praktische Vernunft so verhöhnt, daß kollektiver Idiotismus droht. Es folgt der mehr oder weniger gewaltsame Sturz. Hinterher will keiner mehr Parteigänger gewesen sein.

Berlin hat der Welt in den letzten 100 Jahren bereits zweimal das Schauspiel vom rise and decline einer Ideologie geboten: sowohl der Nationalismus wie der Sozialismus sind in Berlin zur höchsten „Reife“ und schließlichen Hybris getrieben worden. Und die Ironie der Geschichte will es wohl so, daß nun auch die dritte in der Trias der Ideologien, der Avantgardismus, ausgerechnet in Berlin seine letzte Übersteigerung findet!

Erinnern wir uns:

- der deutsche Nationalismus wurde rund 100 Jahre nach seiner Entstehung in Form des Nationalsozialismus bis zur völligen Verdummung getrieben. Er zeichnete sich in dieser Endphase u.a. durch eine brutale Unterdrückung der beiden anderen Ideologien aus. Seine Propaganda verkündete noch den Endsieg, als die Russen bereits die Berliner Stadtgrenze überschritten hatten. Das NS-Regime hinterließ bereits nach 12 Jahren eine Trümmerwüste und 1000 Jahre Schande. Seit 1945 spukt der Nationalismus nur noch in den Köpfen geistig minder bemittelter Randgruppen herum.

- der Sozialismus füllte 1945 das ideologische Vakuum im Osten. Er herrschte dort einige Jahrzehnte, doch 1989 war auch seine Zeit gekommen. Sein Anspruch auf Heil und die Alltagserfahrung der Bürger klafften immer weiter auseinander. Seine Propaganda redete noch vom Sieg des Sozialismus, als die DDR schon längst völlig bankrott war. Dieser wurde schließlich von seinen betrogenen und belogenen Bürgern wie ein Spuk weggeblasen. Er landete wie der Nationalismus auf dem Müllhaufen der Geschichte und geistert heute nur noch in den Köpfen idealistischer Träumer herum.

- der Avantgardismus füllte 1945 im Westen und seit 1990 auch im Osten die weltanschauliche Lücke, die das Verschwinden der beiden anderen Ideologien hinterlassen hatte. Dank seiner brutalen Unterdrückung hatten seine Anhänger jahrzehntelang unbegrenzten Kredit; in West-Berlin nährte er ganze Hundertschaften von Künstlern. Durch die Ausweitung seiner Spielwiese nach Osten und die Vermehrung der Spielgelder seit 1990 wurde die einst elitäre Bewegung zwangsläufig zu einem Massenphänomen.

Nach über 100 Jahren kann kaum noch übersehen werden, daß auch der Avantgardismus alt und senil geworden ist. Und selbst verzweifelte Bemühungen, ihn zur Jungen Kunst oder Neuen Kunstblüte umzuetikettieren, können nicht mehr darüber hinwegtäuschen, daß auch er in seine letzte Phase - das Stadium der Verdummung - gekommen ist. Aller Begriffskosmetik zum Trotz sind die Anzeichen seiner Demenz unüberseh- und unüberhör geworden. Denn je mehr der Avantgardismus vergreist, desto infantiler werden seine Regungen und Zuckungen: außerhalb Berliner Spielwiesen verliert sich das Interesse am Werfen mit Knetkügelchen spätestens in der Pubertät.

Wer kann nach der Lektüre von bis zu halbseitigen Artikeln über solche wie o.g. Aktivitäten in „seriösen“ Berliner Tageszeitungen noch ernsthaft bestreiten, daß der heutige Berliner Avantgardismus alle Charakteristika der Hybris einer Ideologie aufweist?

Ich erinnere an deren Kriterien:

- die Kunstkritik in den Berliner Medien hat sich fast ausschließlich auf die Glorifizierung des Avantgardismus reduziert und zeigt alle typischen Merkmale von Propaganda: anstatt den Bürger bzw. Leser umfassend über die Vielfalt des (Kunst-)Lebens zu informieren und ihm selbst die Wahl zu lassen, wird dieser auf Linie gebracht. Alle anderen Meinungen und Kunstformen werden als nicht mehr zeitgemäß diffamiert und totgeschwiegen. Kritisches Denken und gesunder Menschenverstand werden verhöhnt; an ihre Stelle tritt zunehmend der Wahn: z. B. wird von einer Berliner Tageszeitung eine ihrer Seiten, die mit Farbe besudelt wurde, zum wertvollen „Schatz“ und sammelnswerten „künstlerischen Unikat“ hochgejubelt – und das für die üblichen 70 Cent ohne Aufpreis! Ihre Sprache dient nicht mehr der Information und Aufklärung, sondern nur noch der Manipulation der Leser; sie ist zu einer dümmlichen und verdummenden, Verwirrung stiftenden Phraseologie verkommen, deren hervorstechendstes Merkmal die Verbiegung und Verdrehung der Begriffe in ihr Gegenteil ist.

- die Heroen der Ideologie, v.a. die Berliner Avantgarde der Weimarer Republik, werden immer selbstverständlicher als Legitimation für das eigene Treiben bemüht. Doch verhält es sich beim Avantgardismus nicht viel anders als bei den anderen beiden Ideologien: die Gründerväter haben weder im Geiste noch in ihrem Tun irgendetwas mit ihren vermeintlichen Urenkeln gemein! Gabriele Münther und Otto Dix würden sich von solchen in Absatz 1 erwähnten „Erben“ vermutlich ebenso entrüstet distanzieren wie Karl Freiherr vom und zum Stein (1757 – 1831) von Adolf Hitler oder Karl Marx von Erich Honnecker. Die Gründer waren jeweils mehr oder weniger geniale Köpfe, Vordenker bzw. Vorkämpfer einer befreienden Ideologie. Sie waren von einem hohen Ethos erfüllt und kämpften auf Risiko gegen die Auswüchse einer bedrückenden Macht. Ihre späten „Erben“ hingegen sind jeweils nur noch der peinliche Beweis für eine Fehlentwicklung, sie sind nur noch der sich auf Sesseln räkelnde macht- und geldgeile Rest.

Der Unterschied zwischen der Berliner Avantgarde der 1920er Jahre und der heutigen ist ein wesentlicher und essentieller. Er spränge sofort in die Augen, hielte man nur einmal zum Vergleich die oben genannten plattgewalzten Knetfladen vor ein Münther- oder Dix-Gemälde: ein Substanzverlust wie zwischen Festmahl und Stuhlgang! Damals wurden Kunstwerke, d. h. bleibende Werte geschaffen, die im Laufe der Jahrzehnte zum Kulturerbe reiften und mit jedem weiteren Jahr an Wert gewinnen. Heute halten es die Müllwerker der "Berliner Kunstblüte" gar nicht mehr für notwendig, etwas von Dauer hervorzubringen. Sie sind ohne jede kulturelle Substanz und haben weder den Ehrgeiz noch die künstlerischen Mittel, um so etwas wie ein Werk zu entwickeln, das würdig an die Nachwelt weitergereicht werden könnte. Außer ihrer Anpassung und jugendlichen Beschränktheit haben sie nichts zu bieten; doch im heutigen Berlin wäre etwas mehr schon viel zu viel, denn hier gilt schon wieder (oder: immer noch?) das aus allen Spätphasen bekannte Motto: Nach uns die Sintflut!

Und damit wären wir bei einem weiteren Kriterium für die Hybris einer Ideologie: die Scheinwelt ihrer Propaganda und die Alltagserfahrung der Bürger klaffen immer weiter auseinander: die Müllwerker bekommen immer mehr Geld für immer weniger Leistung, während der Rest der Gesellschaft für immer mehr Leistung immer weniger Geld bzw. Kunst bekommt. Dank Simsala Kunst und Überbau wird das ganze Leistungsgefüge der Gesellschaft auf den Kopf gestellt! Genau diesem Zweck scheinen die o.g. Preisverleihungen zu dienen. Sie sollen provozieren, d.h. dem Rest der Gesellschaft und vor allem der Jugend eine ganz bestimmte Botschaft vermitteln: „Warum bist Du so blöd und arbeitest/ lernst noch, wenn`s als Müllwerker auf dem Kunstparkett der deutschen Hauptstadt für Aktivitäten auf Kindergartenniveau - z. B. das Spielen mit bunter Knete - nicht nur die dicke Knete, sondern auch noch öffentlichen Applaus dazu gibt?

Die heutigen Propagandisten des Avantgardismus in Berlin haben nichts aus der Geschichte ihrer Stadt gelernt und sich ähnlich weit von deren Realitäten entfremdet wie ihre Kollegen vom Sozialismus 1988/89. Sie haben sich in den Labyrinthen ihres Überbaus verrannt und glauben sich zu jeder öffentlichen Idiotie berechtigt. In ihrer ideologischen Beschränktheit hungern sie alle ernsthaft arbeitenden Künstler aus und kultivieren mit Hilfe der Kunst nicht mehr das Auge möglichst vieler Bürger, sondern nur noch die eigene Arroganz. Sie verhöhnen permanent das Leistungsprinzip und unterhöhlen dadurch die Basis und Kultur der gesamten Gesellschaft. Sie blasen sich zu den Erben einer einstmals großen Idee auf und sind in Wahrheit nicht mehr als deren Totengräber.

Irgendwann um die Jahrtausendwende ist – wenn auch in Berlin unbemerkt - das Zeitalter der Ideologien zu Ende gegangen, und vielleicht ist das der Grund, warum die Berliner Kunst seit geraumer Zeit so völlig auf den Müll gekommen ist? Jedenfalls prallen das Pseudo- Expertentum der Avantgardismus-Propaganda und die Praktische Vernunft der restlichen Gesellschaft mittlerweile so hart aufeinander, daß nur noch folgende Alternative möglich scheint: entweder wird die Öffentlichkeit weiterhin mit Hilfe ihrer eigenen Gelder verdummt und belästigt und um ein anregendes Kunstleben gebracht, oder der Avantgardismus wird vollständig auf den Markt entlassen, d.h. von der Öffentlichen Hand nur noch als nicht subventionswürdige Angelegenheit einer geistig-intellektuell wie immer einzuordnenden Sekte behandelt.

Wir können uns glücklich schätzen, daß es zur Entsorgung der letzten Berliner Ideologie aus dem Bürgerlichen Zeitalter weder Mut, Kanonen noch eines Volksaufstandes bedarf: es müßte nur einmal den Forderungen der Vernunft entsprochen, d.h. der westdeutsche Geldhahn zugedreht werden.