Architekturgeschichte einmal anders


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"Von sitzenden Säulen und fliegenden Kuppeln"

Architekturphantasien in der Bildenden Kunst von Hieronymus Bosch bis heute

Informationen zum Buchprojekt


 

Publisher or Curator wanted

"Of sitting columns and flying cupolas"

500 years of architectural fantasies in the visual arts

Some excerpts of the book-project have been published in English language
in

"Inscape Magazine"

London
Summer 2013


Seit 500 Jahren gibt es Architekturphantasien in der Malerei und Grafik.
Das geplante Buch soll die erste groessere Sammlung zum Thema "Phantastische Architektur in der Bildenden Kunst" werden und Gemaelde und Grafiken von rund 40 historischen und zeitgenoessischen Kuenstlern und Kuenstlerinnen vereinigen.

Aut prodesse, aut delectare...

In diesem Buch soll auf unterhaltsame Weise einem breiteren Publikum architektonisches Wissen vermittelt werden.

Das Buch soll maximal 80 Bilder umfassen."Große Namen" spielten bei der Auswahl keine Rolle, sondern handwerkliche Brillanz und vor allem die Frische und Aussagekraft der Bilder.
Die Architekturphantasten sind ein kleiner Kunst-Kosmos fuer sich. Humorvoll - heitere Kuenstler finden sich neben ZuTodeBetruebten; Runde neben Kantigen, Zyniker neben Traeumern und Schoengeistern. Die Auswahl ist subjektiv und von Copy-Right-Angelegenheiten mitbestimmt.

 

Die Konzeption des Buches sieht keine chronologische Vorgehensweise vor; vielmehr ist das Bildmaterial in zehn verschiedene Kapitel bzw. Themenbereiche untergliedert. Die Themen lauten z. B. "Vegetabile Architektur" oder das "Architekturcapriccio".

 

 


 

 


Giovanni Paolo Pannini (1691 - 1765)



"Roma Antiqua"
1754

 

Jedes dieser Kapitel wird mit einer Frage- bzw. Problemstellung eingeleitet; zum Beispiel "Ging die Architektur aus der Natur hervor?" Anschliessend werden die Bilder im einzelnen beschrieben und interpretiert, wobei auch hier die thematische und geistige Verwandtschaft der Kuenstler wichtiger ist als die chronologische Ordnung. Die Texte sind in ihren historischen Teilen zwar wissenschaftlich fundiert; es soll aber kein akademischer Quael-dich-zu-Tode- Foliant, sondern ein anregendes Bilderbuch werden.

 

 

 

Circa 20 Fotos "realer Architektur" sollen
kunst-historische Zusammenhaenge erlaeutern

 


Palazzo Zuccari in Rom
1593

 

 




Sitznische am Portal der Domprobstei
in Meissen, Sachsen, 1497

 


Alphabetische Liste der historischen Kuenstler von A - D

Giuseppe Archimboldo (1527- 1593)
Zdzislaw Beksinski (1929 - 2005)
Paris Bordone (1500 - 1571)
Hieronymus Bosch (um 1450 - 1516)
Pieter Bruegel d. Ä. (um 1525 - 1569)


 

Thomas Cole (1801 - 1848)
Charles Robert Cockerell (1788 - 1863)
Salvador Dali (1904 - 1989)
Francois de Nome, gen. Monsu Desiderio (1593 - um 1640)
Wendel Dietterlin (1551 - 99)
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Textproben

 

 



Joseph Michael Gandy (1771 - 1843) war ueber lange Jahre hinweg der Gehilfe und Zeichner des englischen Architekten Sir John Soane (1753 - 1837). Er uebernahm die von Pannini mehrfach variierte Idee der Bildergalerie auf einem Bild und wandelte diese auf geistreiche Weise ab. Anders als Pannini kombinierte Gandy nicht die Gebaeude einer Stadt, sondern die eines einzigen Architekten zu einer Art gemaltem Werkverzeichnis.
Auf einem fuer die Londoner Akademieausstellung von 1818 gemalten Aquarell praesentiert Gandy das ganze architektonische Lebenswerk seines Chefs: mehrere Dutzend Gebaeude, die Soane in den letzten 35 Jahren im Vereinigten Koenigreich errichtet bzw. projektiert hatte (Abb. rechts). Gandy loeste das Problem, auf einem Bild eine Vielzahl von Architekturbildern und -modellen uebersichtlich und spannungsvoll zu praesentieren, mit Geschick. Als Schauraum waehlte er ein von Sir Soane entworfenes klassizistisches Interieur, das durch eine für diesen Architekten charakteristische Flachkuppel überwoelbt wird.

Wie auf einer Treppe sind mehrere Dutzend Architekturmodelle und -gemaelde ueber- und nebeneinander postiert. Sie werden von einer im Bildmittelgrund platzierten kuenstlichen Lichtquelle beleuchtet, die den fensterlosen Raum durch ein starkes Hell-Dunkel in mehrere Schichten aufteilt und eine Hierarchie der mehr oder weniger ins Licht gerueckten Objekte bewirkt. Vor einem von vier ionischen Saeulen abgedunkelten Alkoven thront ganz oben, etwas nach links aus der Achse gerückt, das Modell der Bank von England; sie ist nicht nur durch ihre Groesse, sondern auch durch ihre starke Beleuchtung als Hauptwerk Soanes hervorgehoben. Sie ueberragt eine Vielzahl kleinerer, durchwegs im klassizistischen Stil gehaltener Gebaeudemodelle. Diese fuegen sich wie auf einem Berghang gelegen zu einem Stadtbild zusammen und vermischen sich nach unten hin mit den Gemaelden zu einem verwirrenden Raumdickicht.


Joseph Michael Gandy

"Buildings of Sir John Soane"
1818
Aquarell

 

Dieser Innenraum erhaelt weniger durch die darin aufgehaeuften Objekte als durch den rechts unten an einem Schreibtisch sitzenden Zeichner den Eindruck saalartiger Weite. Im Dunkel des Vordergrundes kaum erkennbar, ist es vermutlich Gandy selbst, der sich angesichts des Lebenswerkes seines Chefs erdrueckt und in seinem eigenen Schaffen eingeengt fuehlte. Er zeigt sich als unbedeutender Lakai im Dienste eines Gluecklicheren, dazu verurteilt, randstaendig und im Daemmerlicht für seines Brotgebers Glorie zu schuften.


....Kein Kuenstler hat den Gegensatz von antiker und der auf die Adaption von Naturformen bedachten spaetgotischen Architektur so praegnant und zugleich humorvoll thematisiert wie der Maler und Grafiker Wendel Dietterlin (1551 - 99). Dietterlin hatte den Großteil seines Lebens in Strassburg verbracht, sich aber intensiv mit der in Italien waehrend der Renaissance wieder entdeckten antiken Architektur beschaeftigt. Sein zwischen 1593 - 99 publiziertes Stichwerk "Architectura" ist ein einzigartiges Dokument für die Auseinandersetzung eines deutschen Künstlers mit den aus Italien importierten Renaissanceformen. Seine Radierung Nr. 66 zeigt ein "ionisches" Portal, das den Blick in einen Stall oder Schuppen freigibt ( Abb. rechts).

Der Aufbau des Portals ist typisch italienisch: eine Türoeffnung wird von zwei Saeulen auf Postamenten flankiert, die einen doppelten Architrav tragen, der von einem Sprenggiebel bekroent wird. Dieses im Aufbau sehr konventionelle antikisierende Portal wird von Dietterlin durch verschiedene Tricks bizarr verfremdet. Zum ersten ist das Portal nicht aus Stein gemauert, sondern aus Holz gezimmert: das für ein Objekt uebliche Material wird durch ein anderes ersetzt: die Saeule rechts besteht aus einem krumm gewachsenen Baumstamm, dessen Wurzeln sich an das darunter befindliche Podest klammern; Zweige und Triebe spriessen ueberall hervor; ein Specht klopft den Stamm nach Nahrung ab. Der Schaft der linken Saeule ist zwar gerade, doch teilweise entrindet; Astloecher und die Maserung des Holzes sind erkennbar. Darueber hinaus wird der Schmuckgiebel von Aesten ueberwuchert und dient mehreren Voegeln als Brut- und Nistplatz.
Das antike Portal - Symbol einer verfeinerten Kultur - wird gaenzlich von der wild wachsenden Natur in Beschlag genommen.



Wendel Dietterlin (1551 - 99)



"Ionisches Portal"
Radierung, um 1590

Das Motiv der sich über der Türoeffnung ueberkreuzenden Aeste entnahm Dietterlin der spaetmittelalterlichen Architektur.
Dietterlin kombinierte auf dieser Radierung nicht nur antike und "gotische" Bauelemente, sondern stellte auch seinen Humor unter Beweis. Durch mehrere Unvollkommenheiten in der Konstruktion machte er sich ueber den Vitruv-Dogmatismus seiner Architektenkollegen lustig: der Tuerrahmen wird rechts oben durch einen voellig ueberflüssigen Querbalken aus der Symmetrie gebracht; die zum Teil sichtbare Konstruktion des Innenraumes kann nur von einem voellig betrunkenen Zimmermann erbaut worden sein: Dietterlin zeigt ihn schlafend am Boden im Inneren.
Alle drei Kriterien, die nach Vitruv gute Architektur ausmachen, naemlich Konstruktionssicherheit, Zweckmaessigkeit und Schoenheit, werden von Dietterlins Portal nicht erfuellt.







 

Zwischen Zenith und Nadir

Der groesste Meister in der Konstruktion irrealer Raeumlichkeiten war der Niederlaender Maurits Cornelius Escher. ..........
Um 1950 schuf Escher einige Lithografien, die er unter dem Begriff "Relativitaeten" zu einer Gruppe zusammenfasste. Der Grundgedanke dieser Bilder resultierte aus der Erkenntnis, dass sich nicht nur die horizontalen parallelen Linien eines Bauwerks an einem bestimmten Punkt am Horizont, dem sog "Fluchtpunkt" treffen, sondern dass sich auch die Vertikalen in einem bestimmten Punkt ueberschneiden; je nach dem Standpunkt des Betrachters entweder oben im Zenith oder unten im Nadir.
Auf dem Blatt "Oben und unten" (Abb. rechts) liegt derFluchtpunkt genau im Zentrum des Bildes und ist mit dem Zenith und dem Nadir identisch: eine Strassenszene wird zugleich von oben und unten wiedergegeben, der Bildbetrachter dadurch in eine schizophrene, voellig irreale Raumsituation versetzt.

Auf der unteren Haelfte steht er auf dem Vorplatz eines zweigeschossigen Hauses, das durch eine aeussere abgewinkelte Treppe zugaenglich ist. Auf halber Hoehe des ersten Treppenlaufes sitzt ein Junge, der zu seiner Mutter im Fenster des ersten Stockes hinaufblickt. Das Gebaeude kruemmt sich wie in einer Weitwinkelaufnahme stark nach links.
Die gleiche Szene wird in der oberen Bildhaelfte wiederholt, nur dieses Mal von oben gesehen. Mit grosser Meisterschaft hat Escher die Zwischenzone so ausgestaltet, dass sich ihre Flaechen sowohl unten wie oben glaubhaft in die entsprechende Raumsituation einfuegen: die Raute im Bildzentrum ist Fussboden und Decke zugleich. Die Fenster des rechts mittig platzierten , ueber Eck dargestellten Gebaeudes, das schmal wie ein Pfeiler wirkt, sind auf der unteren Flaeche von unten, auf der oberen in Draufsicht gezeichnet.
Irritiert springt der Blick von unten nach oben, richtet sich mal in der Frosch- und mal in der Vogelperspektive ein , um sich an den vielen liebevoll gezeichneten Details zu erfreuen. Doch kehrt das Auge immer wieder zum Zentrum, wo der Schluessel zu diesem raetselhaften Bild liegen muss, zurueck.


 

Maurits Cornelius Escher (1898 - 1972)

"Oben und unten"
1947 Lithografie
50 x 20 cm

 

 

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich West-Berlin zu einem Zentrum der Fassadenmalerei. Durch die vielen im Krieg aufgerissenen Luecken in den Haeuserreihen praegten dort besonders viele haessliche Brandmauern das Stadtbild, die zum Teil durch phantasievolle Wandbilder zu touristischen Attraktionen aufgewertet wurden.
Der Kuenstler Gert Neuhaus (* 1939) hat 1979 aus dem ueblichen Bildtraeger der Berliner Wandmaler - nackte Ziegelmauern - eine Bildidee entwickelt, die die staedtebauliche Situation in einem Charlottenburger Kiez intelligent reflektiert.
Ein riesiger gemalter Reissverschluss teilt die Ziegelwand vertikal in zwei Haelften, wodurch die Materialitaet der Mauer verfremdet wird: sie scheint nicht aus gebranntem Stein, sondern aus einem biegsamen Kleidungsstoff zu sein. Zwischen den geoeffneten metallenen Zaehnen kommt eine Gruenderzeitfassade zum Vorschein; unklar bleibt, ob sich der Reissverschluss oeffnet und in Kuerze wieder die ganze Schmuckfassade sauber restauriert zu sehen sein wird, oder ob außer der Kurzware nichts als die kahle Brandmauer übrig bleibt.
Unsere alltaegliche Erfahrung mit Reissverschluessen ist so eng mit schmiegsamen Textilien verknuepft, dass sie in dieser ueberdimensionierten Form unser Auge dazu bringt, die feste starre Ziegelmauer als ein weiches und geschmeidiges Material zu begreifen. Dabei ist ihre Materialitaet echt und unbemalt, während alles Uebrige nur Augentaeuschung und schoener Schein ist.


Gert Neuhaus



"Der Reissverschluss"
Wandbild Berlin - Charlottenburg
1979 Backsteinmauer
ca 20 x 10 m


Andrea Palladio gehoert zu den bedeutendsten Architekten und Architekturtheoretikern der italienischen Renaissance.
Beruehmt wurde Palladio durch zwei Dutzend Landvillen und Stadtpalaeste, die er vor allem in Vicenza und Umgebung errichtet hatte.

Seine um 1570 in huegeliger Landschaft erbaute "Villa Rotonda" beeinflusste mehrere Generationen klassizistischer Architekten und gehoert zu den am meisten kopierten und variierten Gebaeuden der Baugeschichte.
Der Grundriss der Rotonda laesst bereits die Vorliebe des Klassizisten für geometrische Grundformen und eine strenge Symmetrie erkennen (Foto 1): in die Mitte eines Quadrates ist ein wesentlich kleinerer Kreis eingeschrieben, um den sich vier große und vier kleinere Raeume gruppieren. Jeder der vier Seiten ist ein halb so langes Podest mit einer Treppe vorgelagert, sodass sich insgesamt ein griechisches Kreuz ergibt.
Im Aufriss zeigt die frei in der Landschaft stehende Villa auf allen vier Seiten das gleiche Gesicht: dem zweigeschossigen kubischen Baukoerper ist jeweils ein Portikus mit sechs Saeulen vorgestellt, der von einer schmalen Dachzone und dem zentralen, mit einer Flachkuppel bekroenten Zylinder ueberragt wird. Dutzende englischer Landvillen, aber auch die zwei Dome am Berliner Gendarmenmarkt sind freie Nachschoepfungen von Palladios "Rotonda".

Der Muenchner Architekt und Karikaturist Heinz Birg hat 12 Variationen der Villa gezeichnet und geht in dieser Serie teilweise sehr respektlos mit diesem Heiligtum klassizistischer Architektur um.

Auf einem Bild wird die Rotonda als bekroenender Schmuck eines Berliner Pissoirs gezeigt; genauso gruen eingefaerbt wie die inzwischen gaenzlich durch kostenpflichtige Nasszellen ersetzten Altberliner Beduerfnisanstalten. Auf einem anderen Blatt wird die Villa als Geburtstagstorte für einen modernen Architekten praesentiert, auf dass er sich seinen Teil von der alten Baukultur abschneide.
In seiner als "Geschlossene Gesellschaft" betitelten Variante karikiert Birg den elitaeren Charakter dieses Bauwerkes (Abb. rechts): die Villa war als Landsitz eines begueterten Grafen errichtet worden und stand nur einer kleinen Clique reicher Leute als Treffpunkt offen. Birg funktioniert es zur Schaltzentrale eines riesigen Gefaengniskomplexes um, der der Unterbringung einer ganz anders gearteten Menschenspezies dient.
Im Schnittpunkt eines Achsenkreuzes erhebt sich die Villa, von einem Wachturm bekrönt. Jeder der vier vorgelagerten Portici der Villa ist zu einem vornehmen, mit Statuen bekroenten Saeulengang verlaengert, der als Dach fuer einen der vier Gebaeudefluegel dient. Es muessen mehr als ein Dutzend Stockwerke sein, ueber denen sich der Gefaengnisdirektor bei jedem Wetter und freier Aussicht seine Fuesse vertreten kann.
Monoton ist Fenster an Fenster und Zelle an Zelle neben- und uebereinander gereiht. Birg laesst es durch den geschickt gewaehlten Ausschnitt offen, wie viele Koepfe die "geschlossene Gesellschaft" auf seinem Bild zaehlt.

 

Andrea Palladio (1509 - 1580)
"Villa Rotonda"


Heinz Birg



"Geschlossene Gesellschaft"
Buntstift
45 x 45 cm

 

 

.....Dali hat durch sein aussergewoehnliches Kombinationsvermoegen eine weitere Analogie von Mensch und Natur aufgespuert. Der Begriff "Kalotte" kann sowohl die menschliche Schaedeldecke ohne Basis als auch die Oberflaeche eines Kugelabsschnitts (Kugelkappe) bzw einer Flachkuppel bezeichnen. Dali entwickelte aus dieser begrifflichen Uebereinstimmung sein Bild Raphaelesquer Kopf, auf dem er eine architektonische Kalotte mit einem menschlichen Kopf verschmolz.
Letzteren entlehnte Dali - wie der Titel schon andeutet - von einem Madonnenbild des roemischen Renaissance-Malers Raphael (1483 - 1520) . Die architektonische Kalotte zitiert hingegen das antik-roemische Pantheon (um 120 n.u.Z), in dem Raphael begraben ist.
Die ungewoehnliche Synthese von Kopf und Kuppel gelang Dali, indem er die Kuppel in den oberen Teil des Kopfes einzeichnete,das Gesicht hingegen in den unteren Teil. Dabei wird das Gesicht von oben und aussen, die Kuppel hingegen von unten und innen gezeigt. Der Betrachter sieht diesen "Kuppelkopf" also zugleich aus der Frosch- und aus der Vogelperspektive.
Durch eine Aufloesung der linken Randzone der Kuppel in wellenfoermige Splitter wird der Kopf nach vorn abgerundet und der Sprung von der konvexen in die konkave Sphaere genial verschleiert.......


Salvador Dali





"Raphaelesquer Kopf "

 

Einen Sonderbereich innerhalb des Kapitels "Organische Strukturen" bilden Gebaeude in Tiergestalt. Sie sind sowohl in der gebauten als auch in der gemalten Architektur extrem selten. Eines der sonderlichsten Beispiele für solch eine "tierische" Architektur verdanken wir der sogenannten "Revolutionsarchitektur" des spaeten 18. Jahrhunderts.

Im Lauf des 18. Jahrhunderts waren zu den konventionellen Hauptaufgaben des Architekten, naemlich Wohnhaus, Palast, Schloss, Kirche, Festung weitere hinzugekommen, die vor allem der Entwicklung der buergerlichen Gesellschaft und der wachsenden Buerokratisierung des Staates geschuldet waren.
Wie aber sollten diese neuen Gebaeudetypen, zum Beispiel das Museum oder die oeffentliche Bibliothek in ihrem Aeußeren gestaltet werden, um sie auch einem Fremden in einer großen Stadt als solche erkennbar zu machen? Die alten Saeulenordnungen und Dekorationsmuster genuegten dem neuen Anspruch auf eine "Architecture parlante" - eine sprechende Architektur - nicht mehr. Die Form der Gebaeude sollte fortan auch etwas ueber ihre spezifische Funktion aussagen: form indicates function.
Claude Nicolas Ledoux (1736 - 1806) machte sich mit besonderem Eifer an die Aufgabe, Gebaeude zu entwerfen, die ihre Funktion bereits durch ihre aeussere Gestalt verraten. Er entwarf zum Beispiel ein Bordell, dessen Grundriss in Form eines erigierten maennlichen Gliedes gestaltet ist. Seine Vision eines " Hauses der Strombehoerde " zeigt einen horizontal gelegten Halbzylinder auf rechteckigem Postament, durch den das Wasser eines Flusses geleitet werden sollte.


Jean Jacques Lequeu

"Nach Sueden ausgerichteter Kuhstall"
Aquarellierte Zeichnung

Ein besonders ausgefallenes Beispiel dieser Revolutionsarchitektur bildet Jean Jacques Lequeus (1757 - 1825) aquarellierter Plan fuer einen "Nach Sueden gerichteten Kuhstall".
Es ist fuerwahr keine grossstaedtische Aufgabe und normalerweise auch kein Magnet für ortsfremde Besucher. Zudem ein Grenzfall zur Grossplastik, aber von Lequeu zu einem architektonischen Zweck, der Unterbringung von Tieren, bestimmt.

Lequeu entwarf den Stall in der Gestalt seiner zukuenftigen Bewohner, eines Rindviehs, das frontal auf den Bildbetrachter ausgerichtet ist.
Um ueberhaupt einen ebenerdig zu nutzenden grossen Raum zu erhalten, warf Lequeu dem Tier eine beidseitig bis zum Erdboden reichende Decke über den Ruecken und erhielt so die den Stall seitlich begrenzenden Waende. Der riesige Hohlraum darueber - der Koerper der Kuh - haette als Heu- und Getreidespeicher sinnvoll genutzt werden koennen.
Doch die franzoesischen Bauern scheinen für solch exzentrische Ideen von Pariser Intellektuellen weder Geld noch Verstaendnis gehabt zu haben; der Entwurf wurde wie die meisten anderen Visionen Lequeus nicht verwirklicht.